Reisebericht
Norwegen
Achtung, Rentiere kreuzen!
„Futuristische Fjorde, staufreie Straßen,
bizarre Bergpässe & kuriose Kreuzfahrt: Kurvenfieber im atemberaubenden
Fjord- & Bergland Norwegens.
Das Norwegen aus Postkarten und Büchern ist vor allem bergig, einsam
und entlegen, es gibt Großaufnahmen von traumblauen Fjorden mit
himmelweißen Schiffchen drauf und Werbung, die sich mit Romantik
nicht zurückhält. In Büchern liest man von schweigsamen,
verwitterten Menschen und sauber gefegten Straßen ...
Als wir morgens nach langer Fährfahrt durch den Oslofjord endlich
wieder festen Boden unter den Rädern haben, sehen wir erstmal eines:
eine Stadt, in der wie in jeder anderen Großstadt der Welt reger
Betrieb herrscht und der wir demzufolge schnell den Rücken kehren
wollen. Denn wir sind auf Natur, Erholung und vor allem leere, elegant
geschwungene Straßen eingestellt – und auf atemberaubende
Ein- und Ausblicke in einem der schönsten Länder Europas.
Unser Motorradtrip soll einen Einblick in die Vielfalt Norwegens bieten:
von der Schärenküste über die sanfte, moosige Hügellandschaft
der südlichen Telemark, dramatische Gebirgspässe, auf denen
der Schnee selbst im August nicht schmilzt, bis zu den Kirschplantagen
gegenüber der Hardangervidda oder der Hansestadt Bergen, eine der
Kulturhauptstädte Europas.
Nach einem ersten Reifentest auf den schmalen und schon jetzt kurvigen
Straßen – dabei sind wir gewissermaßen noch im Flachland,
aber auch wenige Kilometer von Oslo entfernt geht es keine zehn Meter
mehr einfach geradeaus (ich hab es ja so gewollt!) – gelangen
wir ins Schärenstädtchen Kragerø mit seinen verwinkelten
Hafengassen und den vielen kleinen vorgelagerten Inseln. Angekommen!
Als Ausgleich für die lange Anreise werden wir heute bekocht. Später
heißt es dann einkaufen. Ein bißchen Stauraum in den Packsäcken
freilassen! kam die Devise vorab von der Organisatorin, um die tägliche
Ration Nudeln, Süppchen oder Bier zu transportieren, die später
im Vandrarhjem zu leckeren asiatischen, österreichischen Gerichten
oder dem schnellen Imbiß zwischendurch verarbeitet wird. Das Leichtbier,
stellen wir schnell fest, läßt sich süffig wegschlürfen
wie Limonade; aber wehe frau wird im Restaurant als motorisiert erkannt!
Da wird auch nicht der kleinste Fingerhut Alkohol ausgeschenkt.
Die Reihenfolge der Fahrerinnen steht am zweiten Tag schon locker fest:
die behäbigen Chopper (also auch ich) nach vorn, die schnelleren
Flitzer und muskelbepackten Maschinchen eher nach hinten. Wer will,
kann nach Absprache auch mal vorbrausen – ich bin allerdings schon
ganz froh, meinen kleinen, fast bis zum Auspuff runter bepackten Raven
glücklich um die Bergrücken und in die Tunneleinfahrten hinein-
und auch wieder hinaus zu steuern. Die Tunnel entlassen uns direkt ins
Hochgebirge, wo uns statt Tannenduft die Höhenluft um die Nase
weht. Von Schneeflecken in der Ferne aus wird unsere bunte Karawane
scheu von Rentieren beäugt, und nach einer Slalomfahrt an Felsvorsprüngen
und glitzernden Seen vorbei gelangen wir zum hoch oben über dem
Lysefjord gelegenen Aussichtspunkt. Und vor uns liegt tatsächlich
ein Hochglanztraum von Fjordlandschaft, mit in paar Wölkchen auf
halber Höhe zwischen Wasser und Himmel, als würden sie auf
dem Silbertablett vorübergetragen. Das Wetter spielt also mit,
auch wenn uns ein Regentest mit Sicherheit noch bevorsteht, wir sind
schließlich in Norwegen. Was mir momentan allerdings die Knie
weich werden läßt, sind eher die ziemlich genau 27 Kehren,
die uns nach unten zur Fähranlegestelle bringen sollen –
gewissermaßen die Feuertaufe. Aber ist die erstmal bestanden,
geht alles gleich viel besser, und schon machen die Pässe mit ihren
immer wieder neuen Aussichten, ihrer Einsamkeit aus Schnee und den wenigen
Blüten am Straßenrand richtig Spaß. Unten im Tal leuchten
dunkelrot die Kirschen in der Sonne oder werden gleich am Straßenrand
tütenweise zum Kauf angeboten, so daß man sich beim Kirschkernweitspucken
schwitzend die Goretexjacke vom Leib reißt.
Ab
und zu geht es nur noch per Fähre weiter. An steil aufragenden
Felswänden schippern wir schmale Fjorde entlang, die bikes gut
verschnürt im Schiffsbauch. Rechts taucht ein verlassenes Gehöft
auf, links eine Stelle, von der es heißt, daß hier vor einigen
Jahren noch der letzte Bär gesichtet wurde, und über uns hängen
waghalsig balancierende Felsen, die jeden Moment herabzustürzen
scheinen. Aber schon werden wir abgelenkt, denn vor uns räkeln
sich echte Robben, in einer lasziven Ruhe, als hätten sie sich
gerade in Schale geschmissen und warteten jetzt nur darauf, daß
der Kapitän mit seiner Durchsage das Zeichen zum Auftritt gibt
(und links sehen Sie ...).
Nach der kleinen Kreuzfahrt auf dem Lysefjord geht es zum Preikestolen,
dem „Predigerstuhll“ – eines der Wahrzeichen dieses
wilden Landes. Ein wunderschönes Vandrahrjem mit eigenem See ist
unser, das nicht nur Luft und Aussicht einer Berghütte bietet,
sondern noch dazu den Charme eines Romantikschlößchens besitzt,
mit seinen mit Kerzenleuchtern und holzgeschnitzten Truhen bestückten
Zimmern. Wer will, macht noch einen Spaziergang zum See, die Kette muß
zwischendurch auch mal wieder geölt werden, und abends gibt es
„Ü“ aus dem Packsack der Scout; ein Geheimnis, das
nur an besonderen Tagen gelüftet wird und hier des Effekts wegen
allen zukünftigen Norwegenentdeckerinnen nicht verraten werden
soll... Spät darf es heute gern werden, denn der nächste Tag
ist ein Ruhetag. Aber faulenzen ist nicht drin. Denn wir müssen
unbedingt auf den Berg, der uns schon von Ferne gelockt hat, auf den
man aber nur per pedes kommt. Wir stürmen also los und werden natürlich
sofort zum Blickfang, wie wir in unseren knarzenden Motorradklamotten
(für die Wanderausrüstung hatte frau nun wirklich keinen Platz
mehr) den Berg hochkeuchen. Lohnt sich aber, denn die Aussicht von oben
ist einfach hinreißend, und wenn nicht just in diesem Moment ein
Regenschauer über uns hereingebrochen wäre, wäre es glatt
zu schön gewesen...
Wen nun aber das Bike anstelle des Berges ewig lockt, darf sich auch
am Ruhetag in die Fußrasten schwingen und fährt einfach ein
paar Schleifen und Kehren in der näheren Umgebung.
Die
Jugendherbergen, in denen wir übernachten, sind im allgemeinen
eine Überraschung. Sie sind erstaunlich großzügig und
komfortabel angelegt und gleichen eher einer etwas groß geratenen
Pension als den Massenschlafsälen, Lautstärke inklusive, die
man aus Deutschland gewohnt ist. Eine Ausnahme ist allerdings Bergen,
wohin sich ein Wachhabender der Nationalen Volksarmee geflüchtet
haben muß, der jetzt dort das Regiment übernommen hat. Alles
hört streng auf sein Kommando, und mir fallen unwillkürlich
sämtliche Tricks wieder ein, die ich früher gegen die disziplinierenden
Gruppenleiter im Ferienlager einzusetzen gelernt habe. Aber der Vandrahrjem-Boß
ist der einzige Schwachpunkt Bergens, einem charmanten, geschichtsträchtigen
Städtchen mit einem Zentrum aus Fachwerkhäusern, die die kleinen
angehenden Pfeffersäcke während ihrer Lehre in der Hanse allerdings
nicht so charmant gefunden haben werden – warum, verrät das
Hansemuseum mit freundlicher Führung. Ein Tag Kulturtrip mit Räkor-,
Verzeihung: Krabbenessen im Hafen, Burgbesichtigung und einem Ausflug
zum Anwesen Edvard Griegs verwandelt uns vorübergehend wieder in
Städterinnen. Daß uns später noch Elche über den
Weg laufen und ein Wasserfall quer über die Straße stürzt,
ein pampiger Busfahrer (der einzige zum Glück) unbedingt beweisen
muß, daß er gelernt hat, wie man Motorradfahrer auf kurviger
Straße AUF KEINEN FALL vorbeiläßt oder wir in greifbarer
Nähe eines Gletschers vorüberkurven, das alles wissen wir
zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir zurren morgens das Gepäck wieder
fest und auf geht´s: Norwegen, Teil zwei, wobei wir uns schon
fast wie die Insider fühlen...“ Women On Wheels
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